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Musikschulen in Niedersachsen
Informationen des Landesverbandes niedersächsischer Musikschulen e.V.
   9. September 2010

Eltern: Was können oder sollen sie tun oder lassen?

Auszug aus dem Buch "Musik im Kopf" von Manfred Spitzer, erschienen im Verlag Schattauer

Musikalische Kinder kommen aus musikalischen Familien. Beispiele kennt wahrscheinlich jeder aus seinem Bekanntenkreis oder aus der Geschichte: Bach lernte von seinem Vater und Mozart ebenso. Andererseits gibt es aber auch sehr viele Fälle - und wieder kennt sicherlich jeder einen oder mehrere solcher Beispiele aus dem eigenen Umfeld - , in denen Eltern den Kindern durch übermäßige Strenge den Spaß an der Musik verdorben haben. Der Autor kann sich an seine Studienzeit erinnern und an die vielen etwa gleich lautenden Antworten auf die Frage an Kommilitonen und Kommilitoninnen, ob sie ein Instrument gelernt hätten: „Von 9-13 Jahren hatte ich Klavierunterricht. Dann hatte ich keine Lust mehr. Heute kann ich gar nichts mehr sielen.“ Neben der Gruppe Gleichaltriger, der so genannten Peergroup bei pubertierenden Jugendliche, stellen die Eltern den wichtigsten Einflussfaktor auf das heranwachsende Kind dar. Wie groß ist aber dieser Einfluss und was lässt sich hierüber wissenschaftlich gesichert sagen?

Ob sie es wollen oder nicht, die Eltern sind in jedem Fall Modell für die Kinder. Üben oder musizieren Eltern zusammen mit Kindern, so geht der Effekt über das reine Üben weit hinaus. Die Kinder lernen nicht nur das Musizieren, sondern vor allem auch, wie sehr gemeinsames Musizieren Freude bereiten kann, und nehmen hieraus viel Motivation für das Üben an „ihrem“ Instrument mit. Weiterhin hat gemeinsames Üben einen strukturierenden Effekt, und vor allem kleine Kinder lernen hierdurch im Laufe der Zeit, sich selbst zu strukturieren. Daraus folgt, dass der elterliche Einfluss besonders im frühen Kindesalter von großer Bedeutung ist.

Da das Erlernen eines Musikinstrumentes im Wesentlichen eine Funktion der mit dem Instrument verbrachten Zeit darstellt, ist es weiterhin von großer Bedeutung, inwiefern die Eltern eine Umsetzung des oft wöchentlich stattfindenden Musikunterrichts in tägliches Üben mitbewirken können. Mit Ermahnung ist es ganz sicher nicht getan. Im Gegenteil: Jegliche vom Kind aversiv erlebten Einflussnahmeversuche der Eltern werden langfristig mit Musik assoziiert werden, so dass elterliche Verhaltensweisen wie Ermahnung, Drohung, Beschimpfung etc. langfristig dazu führen müssen, dass das Kind den Spaß an der Musik verliert. Man hat weiterhin gefunden, dass die Eltern von Musikern oft selbst keine Musiker waren, was sich offenbar positiv auf das Kind auswirkt. Sind die Eltern an Musik interessiert, aber selbst keine Musiker, so werden sie jeden Fortschritt des Kindes begeistert kommentieren und sich daran freuen. Man kann sagen, dass sie in gewisser Weise der kindlichen Entwicklung folgen. Sind die Eltern hingegen selbst Musiker, wird das Kind immer erleben, dass, was immer es auch tut, die Eltern es deutlich besser können. Dieses für das Kind möglicherweise als unerreichbar erlebte elterliche Modell kann somit leicht zu Enttäuschungserlebnissen beim Kind und damit zu Unlust im Zusammenhang mit Musik führen. Man kann also annehmen, dass Eltern, die führen, für die kindliche Entwicklung zum Musiker ungünstiger sind als Eltern, die folgen.

Davidson und Mitarbeiter (1996) gingen diesen Überlegungen in einer Untersuchung an 257 jungen Menschen im Alter zwischen 8 und 18 Jahren nach, die mindestens ein Musikinstrument erlernt hatten. Sowohl die Kinder als auch die Eltern wurden detailliert nach der musikalischen Ausbildung und insbesondere nach der Rolle der Eltern in dieser Ausbildung befragt. Ferner wurde der Grad der Kompetenz im Instrumentalspiel mit Hilfe eines standardisierten Verfahrens erhoben, so dass sich Zusammenhänge zwischen der elterlichen Erziehung und dem von den Kindern erreichten Grad musikalischer Kompetenz erstellen ließ.

Taxifahren genügt nicht

Man untersuchte unter anderem den Zusammenhang zwischen der elterlichen Beteiligung am Musikunterricht und dem Erfolg dieses Unterrichts. Hierbei zeigte sich ein Einfluss, der allerdings nur vom dritten bis zum elften Lebensjahr nachweisbar war. Danach scheinen die Eltern nur noch eine geringere Rolle zu spielen. Für das kleine Kind ist es jedoch wicht, dass die Eltern mehr tun, als nur den Taxifahrer zu spielen: Beschränkt sich die elterliche Teilnahme am Musikunterricht der Kinder darin, diese zum Lehrer zu bringen und dort wieder abzuholen, ist der Erfolg des Musikunterrichts statistisch signifikant geringer, als wenn die Eltern mit dem Lehrer regelmäßig über den Unterricht sprechen und damit inhaltlich auch am Unterricht beteiligt sind.

Es zeigte sich weiterhin, dass die Kinder ihr Instrument umso besser beherrschten, je mehr die Eltern in den Unterricht einbezogen waren. Kein Unterschied zeigte sich allerdings beispielsweise in der elterlichen Rolle bei den häuslichen Übungen. Sowohl bei denen, die später sehr gut auf ihrem Instrument sielten, als auch bei denen, die nach wenigen Stunden Unterricht abgebrochen hatten, mussten die Eltern zu beginn des Unterrichts die Kinder an das Üben erinnern. Auch zeigte sich, dass die Eltern aller Kinder etwa gleich involviert beim Üben waren: Sie fragten nach oder boten Hilfe an, waren aber nicht ständig beim Üben anwesend oder dem Üben gegenüber völlig gleichgültig. Interessanterweise zeigte sich weiterhin, dass etwa 30% der Väter oder Mütter der ihr Instrument sehr gut spielenden Kinder sich im Laufe der Zeit selbst mehr mit Musik beschäftigten - die Kinder hatten also einen Einfluss auf die Eltern!

Insgesamt kann man damit sagen, dass die Eltern von erfolgreich ein Instrument lernenden Kindern Interesse an der Musik haben und dass dieses Interesse mit zunehmenden Fertigkeiten der Kinder noch zunimmt. Eltern von Kindern, die ihr Instrument nach einer Weile wieder aufgeben, sind von vornherein weniger interessiert, und das Interesse nimmt auch im Laufe der Zeit nicht zu. Wie sich weiterhin zeigte, waren die Eltern der gut sielenden Kinder keineswegs Musiker, sondern eher Musikhörer.

[Publiziert am 22.01.2008, 13:41 von Sylvia Schmidt, ]
 
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